Reisebericht Nordlichter & Wale 2022

Markus Schwarz 30.01.2023

Die Möglichkeit Polarlichter und Wale an einem Tag zu fotografieren ist schon etwas ganz Besonderes. Möglich ist dies auf unserer Fotoreise Nordlichter & Wale in Nordnorwegen. Im November haben wir diese Fotoexpedition erneut durchgeführt und unser Teilnehmer Markus hat darüber einen ausführlichen Reisebericht geschrieben, der mit Fotos der Teilnehmer und unseres begleitenden Fotocoaches Dirk Steuerwald illustriert ist.

Nun denn! Es ist Samstag der 12. November 2022, morgens 04:48 Uhr. Ich stehe an der Straßenbahnhaltestelle auf dem Weg zum Karlsruher Hauptbahnhof. In freudiger Erwartung begann die Reise nach Norwegen, um hoffentlich Nordlichter und Wale fotografieren zu können. Sicher ist das nicht, denn beides sind Naturereignisse, die sich bekannterweise nicht planen lassen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit im November für Nordlichter groß ist. Mit Walen habe ich keine Erfahrung. Bereits 2017 war ich mit Zoom-Expeditions Teil einer Reise zu den Nordlichtern und sie war der Hammer. Wir hatten Nordlichter ohne Ende und die „Ausbeute“ an guten Fotos war enorm. Nach einer dreiviertel Stunde Fahrt mit der Straßenbahn und etwas Aufenthalt, stieg ich in den ICE zum Frankfurter Flughafen. In Frankfurt war es eine zügige Sache, das Gepäck aufgeben, die Sicherheitskontrollen passieren, am Gate ankommen. Check-In hatte ich bereits online erledigt. Bei einem Kaffee und etwas Süßem traf ich fast die komplette Truppe: Dirk unser Fotocoach aus Zürich, Frank aus dem Frankfurter Raum, Laura aus Berlin, Marion und Michael aus der Ludwigsburger Ecke. Gemeinsam stiegen wir in den Flieger und hoben statt um 10:00 Uhr erst eine dreiviertel Stunde später ab, nachdem es wegen Personalmangels Verzögerungen beim Verladen des Gepäcks gab. Mit etwas Verspätung kamen wir gegen 13:45 Uhr im verregneten und wolkigen Tromsø an. Kein gutes Zeichen, um Nordlichter zu sehen. Vidar holte uns mit einem Mitarbeiter und zwei Autos ab. Vidar hat schon viele Nordlichter Reisen von Zoom-Expeditions betreut. Unterwegs zur Unterkunft hielten wir am Supermarkt an, um einzukaufen, denn bis zum Dienstag Morgen waren wir in einem Ferienhaus auf der Insel Kvaløya mit Selbstversorgung untergebracht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (Was sollen wir kochen? Was brauchen wir? Was zum Frühstück? etc.), hatten wir alle „notwendigen“ Dinge im Wagen. Es war sehr viel und wie sich später herausstellen sollte zu viel, da das eine oder andere noch in der Unterkunft als Überbleibsel von vorherigen Gästen vorhanden war. Vidar lud uns gegen 16:00 Uhr an unserer Unterkunft ab. Es war dieselbe Unterkunft wie 2017, nur dass inzwischen eine Sauna in Form einer kleinen Hütte dazugekommen ist. Etwas später brachte Vidar noch Ingeborg vorbei, die aus München kommend über Oslo separat geflogen war. Somit konnte nach einem gemeinsam gekochten Abendessen eine Vorstellungsrunde beginnen: Ingeborg, unsere Seniorin und Neuling in Sachen Fotoreise und Rentnerin. Frank unser Spaßvogel aus Hessen mit saarländischen Wurzeln, studierter Chemiker und Zoom-Expeditions Wiederholer. Michael, unser Riese mit 2,11 Meter ein ehemaliger Profibasketballspieler und jetzt Sportjournalist mit seiner Freundin Marion, Projektleiterin IT bei einem namhaften deutschen Autobauer. Beide haben schon Erfahrung mit Fotoreisen gesammelt. Laura, unser Küken aus Berlin, bei einem Online-Shop für Mode in der Marktforschung tätig, die spontan diese Reise gebucht hatte. Abschließend meine Wenigkeit: Markus mit einem Hang zum Klugscheißen und schon viele Male mit Zoom-Expeditions unterwegs, Test-Ingenieur bei einem Elektronikfertiger. Der Abend endete mit Dirks Einführung in die Basics der Nordlichtfotografie, sodass jeder weiß, was zu tun ist, wenn wir diese sehen.

Am nächsten Tag holte uns dann Silvia, Vidars Frau, ab. Ein VW-Kleinbus reichte, da wir nun ohne unsere Koffer nur mit Fotoausrüstung unterwegs waren. Das Wetter war immer noch bewölkt mit leichtem Regen. Unterwegs machten wir halt an einer Brücke. Sowohl rechts und links als auch unter der Brücke ergaben sich besondere Motive, vor allem, weil sich aufgrund der extrem glatten Wasseroberfläche hervorragende spiegelnde Motive ergaben. Nächster Stopp war am Storvatnet, einem See etwa 100 m ü. NN, auf dem Weg nach Tromvik. Auch hier bot das spiegelglatte Wasser hervorragende Motive: Die verschneiten Berge im Hintergrund, die scheinbar mit Puderzucker bestreut waren, und im Vordergrund einige knorrige Bäume, ergänzten die Szenerie zu etwas Besonderem. Einziger Wermutstropfen war der graue, bewölkte Himmel und der beginnende leichte Regen. Danach ging es weiter zum Strand am Grøtfjord, von oben ein herrlicher Blick. Auch am Hafen von Tromvik wieder die Szenerie mit der aalglatten See und den sie umgebenden, verzuckerten Bergen. Hier jedoch in Verbindung mit den Schiffen im Hafen. Auf dem Rückweg zur Unterkunft gab es noch einen Stopp an einem Sandstrand, verbunden mit einem Snack aus Sandwich und Kaffee oder Tee. Es begann schon zu dämmern, sodass hier auf jeden Fall schon die Stative notwendig waren. Anschließend ging es zurück zur Unterkunft, wo wir ein vorgezogenes Abendessen zubereiteten, um dann später von Vidar zur ersten Jagd auf Nordlichter abgeholt zu werden. Mit einem Zwischenstopp bei Vidar, um die warmen Overalls abzuholen. Leider war der Himmel immer noch sehr bewölkt, somit keine Chance Nordlichter sehen zu können. So fuhr Vidar mit uns Richtung Finnland. Auf dem Weg ins Landesinnere wurde es kälter, bis sogar das Kondenswasser im Innern an den Scheiben zu gefrieren begann. Nach ca. 2 Stunden überquerten wir gefühlt irgendwo im Nirgendwo die Grenze nach Finnland. Nach einer weiteren Stunde spürten wir es beim Aussteigen sofort. Das Thermometer war auf ca. -10°C gefallen und es hatte ca. 30 cm alten Pulverschnee. Aber es war windstill und trocken, somit war die Kälte gut zu ertragen. Vidar führte uns an einen zugefrorenen Fluss. Der Himmel war hier zwar sternenklar, aber das Nordlicht zierte sich in dieser Nacht und war nur als ganz feiner Schleier zu sehen. Der Mond strahlte ziemlich hell. Zusammen mit dem Schnee konnten die Belichtungszeiten oder ISO Einstellungen moderat eingestellt werden. Als Alternative zu den fehlenden Nordlichtern packte Dirk ein Seil, Stahlwolle und ein Feuerzeug aus. Damit erzeugte er einen Feuerring, der mit einer langen Belichtungszeit von circa 10 Sekunden extrem cool aussah. Abschließend hielten wir noch an einem See an, an dem vier Bäume standen, die zusammen mit der Umgebung ein einzigartiges Motiv ergaben. Bevor wir wieder Richtung Tromsø fuhren, hielt Vidar noch an einer Brücke an, nach deren Überqueren wir das dritte Land an diesem Abend betraten: Schweden. Nun war es Zeit, wieder zurückzufahren. Gegen fünf Uhr morgens waren wir wieder an unserer Unterkunft und fielen hundemüde in unsere Betten.

Nach wenigen Stunden Schlaf begann für uns der Tag erst am späten Vormittag. Alle waren noch etwas müde, aber der Tag war sowieso zur freien Verfügung geplant, um auch die Umgebung um unsere Unterkunft zu erkunden. Da sich das Wetter nicht verändert hatte, sondern immer noch grau in grau war und es zudem noch regnete, blieben die meisten im gut geheizten Wohnzimmer. Ich zog es vor trotz des leichten Regens loszuziehen, um zu sehen, ob und wie sich die Umgebung verändert hatte. Der Großteil war noch so wie fünf Jahre zuvor, nur dass der Schuppen am Strand renoviert war und direkt daneben eine Art Veranda mit einem Grillplatz gebaut worden war. Der Steinsteg ins Wasser und auch der schöne Bootsanleger auf dem Nachbargrundstück waren noch da. Dieser hatte es mir das letzte Mal angetan und so konnte ich ein paar schöne Vergleichsfotos schießen. Mit dem Rest der Gruppe machte Dirk einen kleinen Grundlagenkurs zur Fotografie. Am dunklen Nachmittag nahmen wir uns Zeit für die erste Bildbesprechung. Jeder suchte sich drei persönliche Highlights aus seinem bisherigen Fundus und stellte sich der Kritik der Mitreisenden. Solche Bildpräsentationen und Besprechungen helfen jedem eventuell fehlendes Knowhow aufzusammeln oder auch bisherige Mechanismen aufzubrechen, um zukünftig bessere Fotos machen zu können. Informationen bzw. Kritik zu Bildkomposition, Belichtungszeit, Blende, Blickwinkel sind hier immer sehr spannend zu erfahren. Gegen Abend wurde das Wetter besser und es begann aufzuklaren. Daher führte uns Vidar zu einigen seiner Lieblingsplätze auf Kvaløya - unter anderem bei Tromvik. Am ersten Stopp konnte man das Nordlicht mit Mond hinter Wolken sehr gut erkennen. Hier machte Vidar von jedem ein Porträt als Erinnerungsfoto. Am nächsten Strand mit großen runden Steinen und doch schönem Nordlicht mit Wolken war für mich der Abend nach ein paar Bildern vorbei. Denn beim Versuch eine Tasse Tee zu ergattern, stolperte ich auf dem schwierigen Untergrund und stürzte. Das Resultat war zumindest offensichtlich ein ausgerenkter kleiner Finger an der linken Hand. Vidar und Dirk reagierten sofort und brachten mich ins Auto, in dem mich Vidar sofort ins Krankenhaus nach Tromsø fuhr. Gegen halb drei morgens war dann der Finger wieder eingerenkt. Zum Glück blieb es beim Ausrenken, was durch Röntgen bestätigt wurde. Vidar lieferte mich an unserer Unterkunft wieder ab. Also erneut eine lange Nacht.

Morgens holte mich Vidar wieder ab, um im Krankenhaus eine Schiene verpasst zu bekommen. Deshalb fiel der eigentliche Ausflug nach Sommarøy wegen mir ins Wasser. Der Rest der Gruppe erkundete bei doch gutem Wetter die Umgebung, um die Unterkunft und Frank ließ sogar seine Drohne steigen, wobei er unter anderem Laura bei ihrer Arbeit ablichtete. Eine kleine Besonderheit durfte ich auf dem Weg zurück aus dem Krankenhaus erleben. Auf dem Radweg neben der Straße spazierte einfach so ein Rentier, wie ein streunender Hund. Am Mittag fuhr uns Vidar doch noch in Richtung Sommarøy zu einer Art Freilichtmuseum mit alten typischen norwegischen Häusern. Den Sonnenuntergang konnten wir dann an einem extrem schönen Strand genießen. Das Licht war außerordentlich. Richtung Sonne ein orangener bis roter Himmel, in die andere Richtung ein rosa Hauch auf den weiß verschneiten Bergen. Anschließend hieß es Gepäck aufladen und ab zum Boot. Denn die Bootstour zur Walbeobachtung startete. Vidar brachte uns zum Bootsanleger und wir bezogen die „Arctic Ice“, ein 14 Meter langes Segelboot mit Motor. An Bord erwarteten uns Lars, der Kapitän und Johan (eigentlich Schwede), der Smutje und die gute Seele des Schiffs. Während wir uns mit Lars nur in Englisch unterhalten konnten, war es mit Johan einfacher. Denn mit ihm konnten wir uns auch auf Deutsch unterhalten. Wo ich herkomme, nennt man jemand wie Johan einen Pfundskerl. Es erfolgte eine grundlegende Einweisung durch Lars bezüglich Verhalten an Bord, vor allem das Tragen der Sicherheitsweste und einer Sicherheitsleine, wenn wir an Deck gehen. Anschließend bezogen wir die Kajüten. Da es sehr beengt war, packten wir unsere Koffer aus, um die fast leeren Koffer geeignet in den weniger zugänglichen Stauräumen des Boots unterzubringen. Wir arrangierten uns mit den beengten Verhältnissen so gut es ging und es klappte hervorragend. Dann ging es los in die Dunkelheit Richtung Norden. Es ging unter der fantastisch beleuchteten Brücke hindurch, welche die Insel Tromsø mit dem Festland verbindet. Das Wetter hatte inzwischen aufgeklart und es wurde kälter, vermutlich um 0°C. Das Abendessen war eine Offenbarung. Unglaublich, was Johan noch auf dem dreiflammigen Gasherd zaubern würde. Es gab zwar nur eine Suppe mit Lachs, Kabeljau und Gemüse mit frischem Brot. Aber es war einfach nur lecker, vor allem weil der Lachs extrem saftig geblieben war. Die folgenden Tage sollten für Frank, der Fisch nicht so prickelnd fand, zur Herausforderung werden, denn die Mahlzeiten sollten sehr fischlastig werden. Auf halber Strecke konnten wir nun doch die ersten Nordlichter bei klarem Himmel entdecken. Leider konnten wird nicht anlegen und mussten deshalb auf dem schwankenden Schiff unser Glück versuchen. Glücklich waren die mit einem lichtstarken und eher weitwinkligen Objektiv, bei denen eine Sekunde Belichtungszeit ausreichte, um den Einfluss des schwankenden Schiffs zu minimieren. Für die Nacht legten wir in Lenangsstraumen an. Ein Detail ist noch unbedingt zu erwähnen. Abwechselnd summte jeder der Mitreisenden ein Lied, was meist zumindest im Singen der ersten Zeilen endete. Ursache war eine der ersten Fahrten mit Vidar im Auto. Er hatte einen Sender namens „Vinyl“ eingestellt und die spielten eine Variante des ersten Songs des Musicals Hair. Na wer errät es? Bingo, es ist der Song „Aquarius“. Unvergessen die Verfilmung des Musicals mit Milos Forman als Regisseur von 1979. Dirk unterlegte diesen Song sogar seinem tollen Video des Flugs mit der Drohne ums Schiff.

Als am nächsten Morgen die ersten Lichtstrahlen gegen 08:00 Uhr die Kajüte erhellten, ergab es sich, dass sich alle kurz nacheinander aus ihren Kajüten entfalteten. Wow! Was ein Frühstück (wie auch an den nächsten beiden Tagen) mit Müsli, gekochten Eiern, Käse, Schinken, Marmelade und somit eigentlich mit allem was es auch in einem guten Hotel gibt. Speziell der „Kaviar“ aus der Tube (pürierter Fischrogen) passte sehr gut zu den gekochten Eiern. Die Butter war wie in Frankreich salzig. Danach ging es los auf die Suche nach Walen. Das Wetter war klar und sonnig. Ein paar Schleierwolken verzierte das knallige orange auf der Sonnenseite und das blasse aber intensive violett bis rosa auf der anderen Seite. Die Wale zierten sich etwas. Lars war ständig in Kontakt mit anderen Skippern, um zu erfahren, wo es sich lohnt hinzufahren, um Wale zu sehen. Der Morgen verging, ohne dass auch ein einziger Wal zu sehen war. Frank, unser Spaßvogel brachte den Spruch „Ein Wal würde dem Foto gut tun“. (in Anlehnung an den Spruch „Ein Tor würde dem Spiel gut tun“ von Günther Jauch und Marcel Reif während der Übertragung eines Fußballspiels der UEFA Champions League 1998 in Madrid). Es dauerte schließlich bis kurz nach eins, bis sich die erste Rückenflosse eines Buckelwals aus dem Wasser erhob. Lars begann mit ca. 6-7 Knoten hinter den Walen her zu tuckern, die immer rhythmisch zum Atmen auftauchten, um dann mit der charakteristischen Heckflosse (der sog. Fluke) aus dem Wasser streckend abzutauchen. Es war immer klar zu erkennen, denn bevor die Heckflosse aus dem Wasser kommt, erhebt sich davor der Buckel immer etwas weiter aus dem Wasser. Die Geduld hat sich ausgezahlt, denn es gab sogar springende Wale zu sehen. Es waren zwar nur kleine junge Buckelwale, aber diese kamen fast komplett aus dem Wasser. Phänomenal! Es gelang manchem Teilnehmer, auch mir, dieses auf dem Sensor festzuhalten. Zwischendurch wurden wir von Johan mit heißem Tee verschiedenster Sorten und Kaffee aus der French Press und Keksen verwöhnt, was zum Ritual auch nach Mittag und Abendessen wurde. Ich haderte mit der Entscheidung das 70-200 mm zu Hause gelassen zu haben. Das 24-70 mm war meist zu wenig Tele für das Motiv und das 300 mm zu viel, um noch einen Hintergrund mit auf das Bild zu bekommen. Flaches Hinlegen an Deck ermöglichte zumindest etwas Hintergrund mit auf den Sensor zu bannen. Orcas blieben uns bis dato leider verwehrt, aber wir hatten ja noch die beiden nächsten Tagen, bei denen es noch „Opportunitäten“ geben sollte.

Während der Dämmerung begann Johan das Mittagessen zu kochen, welches mit Einbruch der Dunkelheit gegen 15 Uhr fertig war. Die Erinnerungen schwinden, aber es waren meines Wissens Shrimps mit Gemüse in einer extrem lecker schmeckenden Soße und Nudeln. Am dunklen Nachmittag navigierte Lars in den Hafen von Skjervøy. Auf dem Weg nahmen wir uns dann noch einmal Zeit für eine zweite Bildbesprechung. Jeder suchte wieder drei persönliche Highlights aus seinem Fundus und stellte sich der Kritik der Mitreisenden. Es ist auch immer spannend, was Mitreisende gesehen haben. Manchmal wunderte man sich über die Motive, die einen zweifeln lassen, ob man auf derselben Reise unterwegs ist. Und schon war wieder späterer Abend und Zeit für Abendessen. Johan hatte sich wieder selbst übertroffen. Es gab Rentiergeschnetzeltes mit einer Sahnesoße, Kartoffelpüree und Preiselbeeren. Rentier schmeckt etwas streng nach Wild und sehr erdig. Die Sahnesoße milderte das etwas. Extrem lecker! Der Abend war noch jung und wir waren nach den Walen alle noch heiß auf etwas Nordlichter. Ein erster Blick nach draußen zeigte, dass ein wenig vorhanden war. Da es schon später war sind wir einfach etwas Richtung Hafenausgang spaziert, um der Lichtverschmutzung zu entrinnen. Leider war das nicht von Erfolg gekrönt. Das Nordlicht war nur ein feiner grüner Schleier. In Anlehnung an die Aktion mit der Stahlwolle und dem Feuerzeug schleuderte Dirk eine LED Stirnlampe, was zwar nicht so spektakulär war, jedoch auch einen schicken Effekt erzeugte. Dann war es auch schon weit nach Mitternacht, sodass wir nach Rückkehr alle zügig in unsere Kojen fielen und gut schliefen.

Fast schon routinemäßig begann der Tag wieder gegen 08:00 Uhr mit dem Frühstück, um anschließend in ungefähr derselben Ecke des Fjords Wale vor die Linse zu bekommen. Es begann mit einem Fischerboot als Motiv gegen den hellblauen Himmel und vielen ausblasenden Walen, die nur wenig über die Wasseroberfläche herausragten. Während des Morgens waren viele solcher Situationen zu bestaunen. Wie kleine Geysire konnten wir das Ausblasen in weiter Ferne beobachten, aber selten in aussichtsreicher Entfernung. Hurra! Kurz vor Mittag dann die erste Finne eines Orca, besser bekannt als Schwertwal. Die Sonne stand tief, sodass diese je nach Blickwinkel die Kanten an den Finnen zum Leuchten brachte. Und es ging weiter. Nach Sichtung einzelner Schwertwale konnten wir in etwas Entfernung einen Schwarm Vögel in niedriger Höhe und darum herum einige Touristenboote erkennen. Lars nahm Kurs darauf und es stellte sich als eine Gruppe gemeinsam jagender Schwertwale heraus. Es war schwer sich auf ein Motiv zu konzentrieren. Überall tauchten Schwerter samt Körper aus dem Wasser, sodass auch die klassischen weißen Flecken seitlich zu erkennen waren. Spannend waren auch die ab und zu auftauchenden Orcababys. Und dann der Hammer. Plötzlich tauchten die weit geöffnete Mäuler zweier Buckelwale auf, die sogenanntes Bubble-Fishing betrieben. Die Wale stoßen den Fischschwarm umkreisend von tief unten Luftblasen (Bubbles) aus, um die Fische zusammenzutreiben und zu verwirren, um dann mit weit geöffnetem Maul einen großen Happen des Schwarms aufzunehmen. Mir ist es leider nicht gelungen dieses Spektakel auf den Sensor zu bannen. Aber Laura hat es geschafft dieses Schauspiel aufzunehmen und einmal sogar mit einem gut gesetzten Schärfepunkt. Und dann waren da noch die Boote mit den hartgesottenen Tauchern, die sich in einen Neoprenanzug zwängten und in das 5-6°C kalte Wasser sprangen, um mit den Orcas zu tauchen. Menschen sind scheinbar keine Beute für die hiesigen Schwertwale. Dann wurde es gegen zwei Uhr mittags wieder dunkler. Johan begann das Mittagessen zu kochen: Nudeln mit Lachs in einer extrem leckeren und leicht scharfen Soße. Es folgte eine Besprechung, was am nächsten Tag zu tun wäre. Diese Entscheidung fiel leicht. Eine erneute Jagd mit der Kamera auf Wale war schnell beschlossen. Zudem lagen wir die Nacht ja wieder im Hafen von Skjervøy, das Wetter war kalt aber mit klarem Himmel. So kam die Diskussion auf, dass abends noch eine kleine Wanderung möglich wäre, um auf einem der umliegenden Hügel erneut Nordlichter zu erwarten. Das Abendessen, was soll ich sagen, wieder unglaublich schmackhaft. Es gab Frikadellen aus Lammhack mit Gemüse und Kartoffeln und als Nachtisch ein selbst gekochtes Pflaumenkompott mit einer Kugel Vanilleeis. Danach zogen wir gestärkt und gut eingepackt los.

Erste leichte Ansätze von Polarlichtern waren bereits zu erkennen. Der Weg auf den Berg war sehr anspruchsvoll, steinig und steil. In Verbindung mit der Dunkelheit eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Hier kam mir der Vorteil meines Stativs zu Gute, denn die Beine kann man abschrauben und als Gehstock verwenden, was ich und Laura auch nutzten. Nach circa einer dreiviertel Stunde hatten wir einen guten Aussichtspunkt erreicht. Es bot sich uns ein Blick auf zwei nebeneinanderliegende schneebedeckte Hügel. Dazwischen lag in einem Fjord eine beleuchtete Fischzucht, die wir durch eine tiefe Position gut verdecken konnten. Und dann fing das Nordlicht an zu tanzen und zwar in einer unglaublichen Intensität. Ja sogar ein violett bis roter Saum war zu erkennen. Es war ein schickes Motiv. Frank sollte später aus den vielen Einzelfotos noch einen coolen Zeitraffer generieren. Der Weg zurück war genauso anstrengend, obwohl es bergab ging. Wir ließen uns Zeit, um keinen Sturz zu riskieren. Wie schnell etwas passieren kann, hatte ich ja Anfang der Woche schmerzlich feststellen müssen. Ziemlich durchgefroren aber glücklich des Erlebten kamen wir nach Mitternacht wieder am Boot an. Dort fielen wir zügig in unsere Kojen und erwarteten den letzten Tag.

Wie am Abend besprochen, standen wir bereits gegen 07:30 Uhr auf, um nochmals viel Zeit bei den Walen zu verbringen und danach entspannt den Rückweg in den Hafen von Skjervøy anzutreten. Abends sollten wir dann mit den Hurtigruten nach Tromsø zurückkehren. Zum Abschluss war es nochmals spektakulär. Das Licht war wieder sagenhaft. Mit dem Wissen wie Sonnenauf und -untergänge in Deutschland aussehen, eher surreal, denn solche Farben gibt es in Deutschland aufgrund der weiter südlichen geografischen Lage nur sehr selten. Hier waren die Farben bei dem guten Wetter fast den ganzen Tag konstant. Die tags zuvor erlebten Highlights, wiederholten sich. Sowohl die Orcas als auch die Buckelwale boten uns wieder ein unbeschreibliches Schauspiel. Auch Gruppen von Tauchern, die gemeinsam mit den Walen tauchten, waren wieder da. Und wieder konnten wir das Schauspiel mit den weit aufgerissenen Mäulern der Buckelwale beim Bubble-Fishing bestaunen. Leider blieb mir der Erfolg eines Fotos wieder verwehrt. Dann neigte sich der Tag auch schon gegen 15:00 Uhr dem Ende zu. Wir kehrten zurück in den Hafen von Skjervøy. Hier endete die Bootstour mit einer genialen Tomatensuppe von Johan mit sehr schmackhaftem norwegischen Brot. Das Brot kam mir gerade recht, um damit die Reste in der Schüssel mit Brot tunkend aufzusaugen und zu genießen. Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Dazu trug neben dem Schlafmangel vor allem der Aufenthalt auf Deck des Bootes mit der Körperspannung zum Ausgleich des Schwankens beim Fotografieren bei. Daher waren alle sehr erschöpft, sodass der eine oder andere auf den Sitzgelegenheiten im Bauch des Schiffes ein kleines Nickerchen machte. Denn es galt die Zeit bis zum Entern der Hurtigruten und deren Ablegen gegen 20 Uhr zu überbrücken. Das Packen der sieben Sachen Stand dann auf dem Plan und gegen 19 Uhr machten wir uns auf Richtung Hurtigruten Anlegestelle, die nur 10 Minuten Fußweg vom „Artic Ice“ Liegeplatz entfernt lag. Natürlich nicht ohne uns gebührend mit einem Trinkgeld und herzlich von Lars und Johan zu verabschieden. Zwei wirklich nette, coole Jungs, mit denen sicher jeder von uns gerne wieder auf Tour gehen würde.

Nach 10 Minuten Fußweg erreichten wir die Anlegestelle der Hurtigruten, wo pünktlich gegen halb acht die „Nordlys“ der Hurtigruten anlegte. Das Einchecken ging recht zügig. Obwohl wir keine Kabine hatten, bekam jeder eine Art Scheckkarte als Fahrkarte. Wir deponierten unsere Koffer im Gepäckraum, denn wir wollten das Gepäck nicht die ganze Zeit mit uns herum schieben/tragen. Da wir für ein Abendessen angemeldet waren, machten wir uns sofort auf die Suche, wo uns dieses kredenzt werden sollte, nämlich vier Etagen über unserem Einstieg. Es gab ein 3-Gänge Menü, welches jeder individuell zusammenstellen konnte. Das Essen war gut und auf hohem Niveau, aber nichts im Vergleich mit Johans Soulfood der vergangenen Tage. Dann ging es weitere drei Etagen nach oben auf das Aussichtsdeck. Es war viel los und teilweise schwer an der Reling einen Platz zu bekommen. Alle aus unserer Gruppe packten ihr Stativ aus und begannen zu fotografieren. Andere Passagiere warteten mit aktuellen Smartphones auf, mit denen eingeschränkt auch gute Fotos zu machen sind. Das Nordlicht übertrumpfte sich wieder selbst in Intensität und Farbe. Es tanzte in einer bisher von uns nicht gesehenen Heftigkeit. Violette bis rote Säume gesellten sich zu den intensiv grünen Schleiern im Liveview der Kamera. Noch zu bemerken ist, dass die intensive grüne Farbe nur auf Fotos oder Videos zu sehen ist. In natura ist maximal ein leichtes grünes Schimmern zu erkennen. Das liegt daran, dass der Mensch im Gegensatz zu einem Fotosensor nachts farbenblind ist. Daher sind Leute oft enttäuscht, wenn das Grün mit bloßem Auge nicht zu sehen ist. Ich konnte mein Stativ 90° zur Fahrtrichtung platzieren und einen Zeitraffer starten, der dann eine gute Stunde lief und einen sehr schönen Film ergab. Die Bearbeitung mit einer Software zu Stabilisierung fehlt noch, da das Schiff doch etwas rollte. Nebenbei versuchte ich mit meiner zweiten Kamera und geschicktem Auflegen auf der Reling noch separat einige Fotos zu schießen. Ich denke es war für alle ein unvergessliches Erlebnis. Pünktlich legte die „Nordlys“ kurz vor Mitternacht in Tromsø an, wo wir samt Gepäck das Schiff verließen. Der Standort unseres Hotels war nur eine Viertelstunde von der Anlegestelle entfernt. Noch bevor mein Kopf das Kissen erreichte, war ich bereits eingeschlafen.

Am Morgen war nach einem ausgedehnten Frühstück noch Zeit Tromsø um das Hotel herum mit Hafen und Altstadt zu erkunden. Die bekannte Eismeerkathedrale war über die Brücke Richtung Festland im Osten innerhalb von 20 Minuten zu Fuß zu erreichen. Die „Ishavskatedralen“, wie die Eismeerkathedrale auf norwegisch heißt, ist eine Kirche von 1965 aus mit Aluplatten verkleidetem Beton, was stilisiert Eisplatten darstellen soll. Diese war nach meinem persönlichem Empfinden nicht so fotogen wie die landläufige Meinung ist. Deshalb drehte ich auf der Mitte der Brücke wieder um, nicht ohne aus der Ferne mit dem verschwommen Geländer ein paar Fotos davon zu machen. Auch Graffitis und andere architektonisch interessante und spannende Gebäude waren zu entdecken. Es wären sicher noch Motive für einen ganzen Tag möglich gewesen, aber es war schon spät, denn gegen halb eins holten uns Silvia und Vidar ab und brachten uns zum Flughafen. Ingeborg war schon wegen einer anderen Flugverbindung früher geflogen. Der Abschied von Vidar und Silvia war ein sehr emotionaler Moment. Denn Vidar und Silvia sind uns allen ans Herz gewachsen. Es sind zwei extrem positive und liebenswerte Menschen. Danke Vidar und Silvia! Nun war noch genügend Zeit sich im Duty Free Shop einzudecken. Standard Spirituosen sind wie überall verhältnismäßig teuer. Die lokalen Spezialitäten wie Aquavit, oder Produkte wie Gin, sind dagegen preislich attraktiv. Der Flug nach Hause hob pünktlich ab und landete eine halbe Stunde früher als geplant. Die kommenden Wochen, ob Urlaub oder nicht, wird wohl für alle das Sichten und Entwickeln der Fotos in Anspruch nehmen.

Text und Bühnenbild © Markus Schwarz

 

 

 

Teilen: